DIE AUFGABE DER ELETER

e9783641094324_i0083.jpgDunkelheit sickerte in Karigans Träume, aber sie war nicht sicher, ob es wirklich ausschließlich Träume waren. Ihr wurde bewusst, dass ihr Kopf an Yates’ Schulter lehnte, dass er seine Arme um sie gelegt hatte und dass ihre Hand, in der sie den Mondstein hielt, in der seinen lag. Dutzende von grünen Augen glitzerten außerhalb des Lichtscheins. Die Schattenbestien hatten sie wieder gefunden. Sie schoben ihre Nüstern ins Licht, aber dann jaulten sie und zogen sich ins Dunkle zurück, als hätten sie sich verbrannt.

»Lass das Licht weiter leuchten«, flüsterte Yates ihr zu.

Karigan wachte erst wieder auf, als ihre ganze Welt sich verschob. Yates bewegte sich und lachte, und ringsum waren noch mehr Stimmen und so viel Licht, dass sie meinte, der Schwarzschleierwald wäre ein Traum gewesen und sie wäre wieder in Sacor-Stadt, unter der strahlenden Hochsommersonne. Die grünen Augen der Schattenbestien waren verschwunden, stattdessen sah sie die schimmernden Gesichter der Eleter.

»Sie sind nicht real«, sagte sie zu Yates. Sie rollte sich am Fuß des Baumstammes zu einer Kugel zusammen und überlegte flüchtig, wie es möglich war, dass Yates nun mit ihren Halluzinationen sprach – es sei denn, er war selbst eine Halluzination. Vielleicht gab es nichts Reales und alles spielte sich nur in ihrem Kopf ab, und in dem Fall war auch die Vision des Königs auf seinem Totenbett, die sie gesehen hatte, eine Illusion. Sie lächelte vor sich hin und schlummerte wieder ein.

 

Jemand hob ihren Kopf und drückte ihr eine Flasche an die Lippen. Sie trank begierig und dachte, es wäre nur Wasser, aber es schmeckte nach dem Heiltrunk der Eleter, nach Frühlingsregen und reifenden Früchten. Schon nach wenigen Schlucken wurde es ihr wieder weggenommen. Ob ihre Halluzinationen nun alle ihre Sinne erfasst hatten? Konnten sie sogar ihren Durst löschen?

Der Heiltrunk lichtete die Wolken, die ihren Verstand umnebelten, und als sie mühsam die Augen öffnete, kniete Graelalea neben ihr.

»Seid Ihr wirklich?«, fragte Karigan.

Die Eleterin neigte den Kopf, als dächte sie darüber nach, und das Licht des Mondsteins leuchtete auf ihrer wie Perlmutt schimmernden Rüstung und ihrem bleichen Haar wie ein Heiligenschein. Bei näherer Betrachtung war die Rüstung mit Schlamm bespritzt und übersät von Regentropfen und nassen Federn, und ihr Flachshaar klebte an ihrem Kopf.

Karigan hörte das Trommeln des Regens, spürte ihn aber nicht. Sie lag in einem Zelt. Sie seufzte vor Erleichterung.

»Ihr seid wirklich«, sagte sie zu Graelalea.

Die Eleterin lächelte. »Ja. Sie waren schwer zu fassen, aber wir haben Sie gefunden. Sie hätten an einem Ort bleiben sollen, nachdem wir Sie verloren hatten.«

»Aber ich …«

»Ich weiß. Das Gift der Dornen in Ihrem Blut hat Ihren Verstand verwirrt. Wir tun unser Bestes, es herauszuziehen, aber Hana war die Heilerin unter uns, und sie ist fort.«

»Wie habt Ihr uns gefunden?«

»Durch hervorragendes Spurenlesen, und Ihr Lynx spürte den Hunger der Bestien und ihren Jagdinstinkt und wusste, dass sie eine ungewöhnliche Witterung aufgenommen hatten. Er nahm an, dass Sie und Yates sie so erregt hatten, und konnte ihrer Gier folgen.«

Karigan wollte sich nicht vorstellen, was Lynx wohl empfunden hatte, als er die Gedanken dieser Wesen berührte.

»Wie geht es Yates? Konntet Ihr ihm helfen?«

»Damit er wieder sehen kann?«, fragte Graelalea. »So weit reicht unsere Macht nicht. Vielleicht wird er im Lauf der Zeit auf der anderen Seite des Walls sein Augenlicht wiedererlangen.«

»Habt Ihr ihm das gesagt?«

»Wir haben ihm die Wahrheit nicht verborgen. Wir werden ihm helfen, sich im Wald zurechtzufinden. Es ist erstaunlich, dass Sie beide ganz allein überlebt haben.«

Karigan meinte, Respekt in der Stimme der Eleterin zu hören. Falls das stimmte, hatte sich ihre Beziehung sehr verändert, seit sie einander das erste Mal begegnet waren. Damals hatte Graelalea für Karigan anscheinend nur Verachtung übrig gehabt.

»Jetzt müssen Sie sich ausruhen«, sagte Graelalea.

»Was … was ist mit meinem Bein?« Karigan bemerkte, dass es im Augenblick nicht wehtat. Sie konnte es überhaupt kaum spüren. Sie wackelte mit den Zehen, um sich zu vergewissern, dass es noch da war.

»Der Heiltrunk hilft gegen die Schmerzen«, antwortete Graelalea, »und Lynx hat vorgeschlagen, Blutegel gegen das Gift einzusetzen. Hier gibt es schließlich mehr als genug davon. Wir haben sie genau untersucht und festgestellt, dass der Wald sie nicht pervertiert hat. Wir haben einige an Ihre Wunden angesetzt. Möchten Sie sie sehen?«

»Nein!« Instinktiv schauderte Karigan bei dem Gedanken an Blutegel, an Mäuler, die sich an ihrem Fleisch festsogen und ihr Blut heraussaugten, bis sie ganz aufgeschwemmt waren. Eine Behandlung mit Blutegeln war bei vielen Krankheiten üblich, aber Karigan hatte einfach genug von Wesen, die ihr Blut saugen oder sie fressen wollten.

»Wir haben erwogen, Kolibris einzusetzen«, sagte Graelalea.

Als Karigan klar wurde, dass die Eleterin einen Witz gemacht hatte, war diese schon fort, und es wurde dunkel im Zelt. Die Kraft, die der Heiltrunk ihr eingeflößt hatte, nahm rasch ab, und eine Schwere senkte sich auf sie herab. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich sicher, so sicher wie man im Schwarzschleierwald nur sein konnte. Jemand anders trug die Verantwortung für Yates, und jemand anders bewachte das Lager.

Sie versuchte, nicht an die Blutegel zu denken, die sich von ihrem Blut nährten, und überließ sich der Dunkelheit und der Schwere, die ihr halfen, in Schlaf zu sinken.

 

Irgendwann in der Nacht wurde sie durch wütende Stimmen geweckt, und Träume von weißen Federn, die wie Schnee herabfielen, und von einem silbernen Schlüssel, der funkelnd auf ihrer Handfläche lag, entglitten ihrem Wachbewusstsein. Es dauerte einen Augenblick, bis ihr wieder einfiel, wo sie war. Es war nicht völlig dunkel, denn das Licht von Mondstein und Feuer schimmerte durch die Leinwand ihres Zelts. Die Schatten heftig gestikulierender Silhouetten huschten über die Zeltleinwand.

»Ich habe genug gesehen!« Das war Grant, er sprach am lautesten. »Es gibt keinen Grund, noch weiterzugehen.«

»Sie können umkehren, wann immer Sie möchten.« Graelaleas Stimme war kalt. »Wir zwingen Sie keineswegs, uns weiterhin zu begleiten.«

Grant lachte. Es klang beinah hysterisch. »Ihr sagt das, obwohl Ihr genau wisst, dass wir den Rückweg allein niemals finden werden, und dass wir ohne Euch in viel größerer Gefahr wären.«

»Wir räumen Ihnen diese Möglichkeit ein«, antwortete Graelalea. »Mehr kann ich nicht tun, denn wir müssen unsere Reise fortsetzen. Wir kehren nicht um. Noch nicht.«

»Ihr wollt uns einfach im Stich lassen?«, schrie Grant.

Anscheinend fand Graelalea, dass es sich nicht lohnte, darauf zu antworten, denn sie erwiderte nichts. Eine der Silhouetten entfernte sich langsam.

»Was wollt Ihr nur hier erreichen?« Dies war Ard. »Was in allen Höllen ist so wichtig, dass Ihr weitergehen müsst? Weshalb sind wir wirklich hier? Wonach sucht Ihr?«

Graelaleas Silhouette verharrte, und ihr Schatten wuchs und schrumpfte im Licht der tanzenden Flammen. »Sie sind hier, weil Ihr König es Ihnen befahl. Ich weiß nur wenig über seine Motive, aber Sie sind auf seinen Wunsch hier. Mein Gefolge und ich sind hier, weil unser Kronprinz dies wünscht.«

»Das ist wohl kaum eine Antwort«, brummte Ard. »Warum wünscht Euer Kronprinz, dass Ihr hier seid? Ich finde, nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, seid Ihr es uns zumindest schuldig zu sagen, wofür unsere Leute hier eigentlich sterben.«

Zunächst antwortete Graelalea nicht, und Karigan dachte schon, sie würde sich dazu entscheiden zu schweigen, aber zu Karigans Überraschung sagte sie schließlich: »Wir sind um der Zurückgelassenen willen wieder hierhergekommen.«

»Der Zurückgelassenen …«, stotterte Ard.

Karigan stellte sich den Gesichtsausdruck ihrer sacoridischen Gefährten vor, die genau die gleiche Verblüffung und Neugierde empfanden wie sie.

»Wer?«, drängte Lynx mit grollender Stimme. »Wer wurde zurückgelassen?«

Karigan spürte die intensive Spannung und Erwartung trotz der Zeltwände, die sie umgaben.

»Unsere Schläfer«, sagte Graelalea.

»Eure Baummenschen?«, platzte Ard heraus.

»Es besteht die Möglichkeit«, antwortete Graelalea mit ruhiger Stimme, »die Schläfer zu wecken und vielleicht zu retten, falls der Hain von Argenthyne noch immer existiert, und sie zurück nach Eletien zu bringen.«

»Und wenn der Hain verschwunden ist, so wie der in Telavalieth?«

»Wir glauben, dass seine Überlebenschancen größer waren als die der anderen Haine. Es gibt … es gab Mächte im Schloss.«

»Ihr seid Narren«, sagte Grant. »Ihr seht doch, was dieser Wald ist und was er bewirkt. Die Antwort ist direkt vor Euren Augen. Erinnert Euch an Porter und daran, was die Kolibris ihm angetan haben. Auch aus Eurem Gefolge wurde jemand von irgendwelchen Ungeheuern umgebracht, diese Hana. Allen lebendigen Wesen, die hierherkommen, tut der Wald das an. Und was das Schloss und seine Macht angeht … Seht Euch doch an, was mit Yates’ Magie geschehen ist. Sie hat sich gegen ihn gewendet.«

»Sie verstehen das nicht.« Eine neue Stimme mischte sich in die Diskussion ein. Ealdaen.

»Ach, wirklich?« Karigan stellte sich vor, dass Speichel aus Grants Mund troff wie bei einem tollwütigen Hund, der angreifen will. »Aber ja, gewiss, Ihr seid die Uralten, die Weisen, natürlich, Ihr kommandiert uns herum, als wären wir Würmer. Ich sage Euch, es ist Zeit umzukehren. Was Euer Schloss auch einmal gewesen sein mag, jetzt ist es nur noch Schutt. Und Eure Schläfer? Ihr Hain ist wahrscheinlich schon vor langer Zeit verrottet und zu Erde geworden.«

Schweigen herrschte nach Grants Ausbruch. Silhouetten entfernten sich, bis nur noch eine übrig war, die sie als Grants Schattenriss erkannte.

»Was ist?«, schrie er. »Könnt Ihr die Wahrheit nicht ertragen?«

Ard murmelte ihm etwas zu.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, versetzte Grant. »Wenn sie nicht einmal mir die Stirn bieten können, was werden sie erst tun, wenn sie ihren kostbaren Hain erreichen und feststellen, dass er nicht mehr da ist?«

Karigan seufzte. Sie hatte Grants Tonfall als irrational empfunden, aber seine Argumente waren nicht von der Hand zu weisen. Zumindest wussten sie endlich, was die Eleter im Schwarzschleierwald wirklich bezweckten: Sie wollten die Angehörigen ihres Volkes retten, die seit der Zeit von Mornhavons Eroberung friedlich geschlafen hatten.

Leider musste sie Grant zustimmen: Das Klügste wäre es, sich aus dem Wald zurückzuziehen – aber sie wusste auch, dass nichts die Eleter davon abhalten würde, ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie hoffte nur, dass sie auf das Schlimmste gefasst waren, wenn sie am Schloss von Argenthyne ankamen – was auch immer das Schlimmste sein mochte.

Pfad der Schatten reiter4
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