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Allein Jans Gegenwart genügte, um ihre dunklen Gedanken zu vertreiben. Es war die richtige Entscheidung gewesen, zu dieser Veranstaltung zu gehen, auch wenn ihr die vielen Menschen unheimlich waren.
Jetzt, da sie Jan nahe war, schienen alle Düsternis und Niedergeschlagenheit wie weggeblasen. Wie er dastand, an seinem Sekt nippte und die Menschen um sich herum beobachtete, gab ihr wieder einmal das Gefühl, wie ähnlich sie sich doch waren. Sie waren beide Beobachter, die sich stets am Rand der Menge aufhielten und nicht gern im Mittelpunkt standen. Wer beobachtete, behielt den Überblick, und wer den Überblick behielt, war all den eingebildeten Wichtigtuern überlegen.
Sie liebte ihn, weil er ein leiser Mensch war. Trotzdem war er nicht unscheinbar. Im Gegenteil, mit seiner Rede hatte er wieder einmal bewiesen, dass er Menschen beeindrucken konnte. Und auch wenn es vielleicht nur eine Äußerlichkeit war: Er war der bestaussehende Mann an diesem Abend. Mit seinem modisch geschnittenen Anzug in dezentem Grau, dem weißen Hemd und der gelockerten Krawatte wirkte er auf sie wie ein Filmstar.
Ja, er ist bestimmt ein wenig eitel, dachte sie bei sich und musste schmunzeln. Jan Forstner mochte das Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegensah, daran hatte sie keine Zweifel. Und warum sollte er es auch nicht mögen? Sie mochte es doch ebenfalls. Sein Gesicht war das Erste, was sie beim Aufwachen vor sich sah, und wenn sie abends die Augen schloss, sah sie es noch immer.
O Jan, meine Gedanken sind ständig bei dir. Ich kann es kaum noch erwarten, bis du meine Nachricht bekommst.
Aber warum sollte sie eigentlich noch warten? Was wäre, wenn sie einfach wieder zu ihm ginge? Dieser Gedanke erregte sie. Vielleicht lag es am Alkohol, aber plötzlich war ihr danach, es ihm zu sagen.
Er stand jetzt nur wenige Meter von ihr entfernt. Fast glaubte sie, den Hauch seines Aftershaves zu riechen. Eine leichte Holznote, die zu ihm passte. Maskulin, aber nicht aufdringlich.
Sie musste nur ihren Mut zusammennehmen, ein paar Schritte geradeaus gehen, und schon wäre sie bei ihm.
Mein Gott, ich könnte es wirklich tun!
Und dann tat sie es. Statt weiter zu grübeln und zu zögern, überwand sie all ihre Angst und schob sich an den Leuten vorbei. Das Herz pochte ihr bis zum Hals. Es waren nur noch wenige Schritte.
Ich werde es ihm geradeheraus sagen. Jan, ich liebe dich. Und er wird mir antworten, dass er mich ebenfalls liebt. Ich kann es fühlen!
Doch als sie an dem Platz ankam, an dem er noch bis vor ein paar Sekunden gestanden hatte, war Jan Forstner nicht mehr da. Nur noch das halbvolle Sektglas stand neben dem verlassenen Teller.