20
Alexas Herz klopfte ziemlich schnell, als sie von Tür zu Tür eilte und nach den Namensschildern sah. Für einen Banküberfall würde es bei ihr nie reichen, wenn sie schon bei diesem kleinen Regelverstoß Herzrasen bekam. Als Alexa das dunkle, muffige Altenheim betreten hatte, das nach Eintopf und Urin roch, hatte ihr ein Blick auf die Wanduhr sofort gezeigt, daß sie heute keine Chance mehr auf einen offiziellen Besuch bekommen sollte. Viertel nach acht! Da lagen sicher schon alle Heimbewohner versorgt in ihren Betten, ohne Aussicht, in den nächsten Stunden einschlafen zu können. Und da hatte es Alexa plötzlich ganz praktisch gefunden, daß weit und breit niemand zu sehen war, den man um Auskunft hätte bitten können. Sie hatte sich kurz orientiert und herausgefunden, wo sich die Flure mit den Schlafzimmern befanden. Und da lief sie jetzt von Tür zu Tür und las die zwei Namen, die auf jedem Schildchen angebracht waren. Dies war schon der zweite Flur, und Alexa war sich ziemlich sicher, daß es auch der Letzte war. Plötzlich hörte sie ein Geräusch am Ende des Flurs. Sie blickte panisch hoch. Wie eine Einbrecherin kam sie sich vor. In gewisser Weise war sie das ja auch. Intuitiv drückte sie sich in einen Türrahmen. Alexa hörte, wie jemand eine Tür öffnete und etwas sagte. Ein paar Sekunden später wurde die Tür wieder geschlossen und Schritte wurden hörbar. Alexa hielt den Atem an. Was wäre, wenn sie als Fremde in dieser Situation erwischt wurde? Verdächtiger konnte man sich kaum benehmen, wahrscheinlich würde die Pflegerin die Polizei rufen. Dann vernahm Alexa, wie die Glastür am Ende des Flurs zuklickte. Sie atmete auf. Das war nochmal gut gegangen. Jetzt aber schnell. Alexa las die Namen auf dem nächsten Schild. Olga Randmeier/Elisabeth Scholin. Frauen, Frauen, Frauen. Der Frauenanteil lag nach Alexas Recherchen bei schätzungsweise neunzig Prozent. Alexa lief zur nächsten Tür. Wann kam endlich Maria Scholenski? Im selben Moment schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf. Maria Scholenski! Der Name war ihr so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie gar nicht bedacht hatte, daß die Frau schon seit Ewigkeiten nicht mehr so hieß! Es war nicht gerade wahrscheinlich, daß Maria Scholenski bei ihrer Heirat als Vorreiterin des Feminismus auf einem Doppelnamen bestanden hatte. Verdammt! Alexa dachte angestrengt nach. Die Bäuerin hatte doch erwähnt, wie Marias Mann hieß! Er hatte ebenfalls einen slawischen Namen gehabt, mit einer gewissen Ähnlichkeit zu Scholenski. Vielleicht ließe sich daraus etwas machen! Alexa dachte angestrengt nach. Marias hatte sie bei ihrer Sucherei mehrere dabei gehabt Maria schien vor siebzig, achtzig Jahren der absolute Namensknüller gewesen zu sein, dicht gefolgt von Elisabeth und Hedwig. Alexa lief zurück. An der dritten Tür war eine Maria. Maria Schürmann. Die war es nicht. Da war Alexa sich sicher. Sie wurde noch hektischer. Ewig konnte sie nicht mehr hier herumrennen. An der nächsten Tür war wieder eine Maria. Maria Koslowski. Das war sie. Jetzt wunderte sich Alexa, daß ihr der Name nicht schon beim ersten Lesen aufgefallen war. Sie hatte in ihrer Hektik nur nach Scholenski Ausschau gehalten. Plötzlich bekam Alexa Muffensausen. So kurz vorm Ziel fragte sie sich, was sie eigentlich hier zu suchen hatte. Sie war mehr oder weniger unzulässig hier ins Heim eingebrochen. Welches Recht hatte sie, eine alte Frau unvorbereitet an ihrem Bett aufzusuchen? Alexa faßte sich ein Herz. Jetzt war sie so weit gekommen. Jetzt würde sie die Sache auch durchziehen. Vorsichtig klopfte sie an die Tür. Sie wollte nicht zu viel Lärm machen. Alexa legte ihr Ohr an die Kunststofftür. Kein Geräusch drang aus dem Zimmer. Alexa klopfte noch einmal, jetzt etwas kräftiger. Vorsichtig schaute sie sich im Flur um, ob jemand kam. Dann öffnete sich plötzlich die Tür vor ihr und eine Frau sah erstaunt nach draußen.
»Frau Koslowski?«
Die Frau schaute Alexa weiter unverwandt an. »Wer sind Sie?« Obwohl Maria Scholenski seit über fünfzig Jahren in Deutschland lebte, hörte man ihr noch deutlich den polnischen Akzent an.
»Mein Name ist Alexa Schnittler«, sagte Alexa hektisch und beinahe flüsternd. »Ich komme aus Renkhausen, wo Sie vor vielen Jahren als Magd gearbeitet haben. Ich würde gerne mit Ihnen darüber sprechen.«
In Maria Scholenskis Gesicht war eine eindeutige Reaktion sichtbar. Es war eine Mischung aus Erstaunen und Unsicherheit, fand Alexa. Sie erwartete eine Absage.
»Kommen Sie herein!«, sagte Maria Scholenski plötzlich und öffnete die Tür ein wenig weiter. »Aber wir müssen leise sein, meine Mitbewohnerin schläft schon.«
Als Alexa das Zimmer betrat, wurde ihr noch einmal der Unterschied zwischen dem Altenheim von Pastor Rohberg und diesem hier deutlich, in dem Maria Scholenski und andere Unterversicherte wohnten. Der Raum war klein, bestimmt nicht größer als sechzehn oder achtzehn Quadratmeter. Darin untergebracht waren zwei Betten samt Nachtschränkchen, zwei Kleiderschränke, zwei Regale und ein paar Besucherstühle. Auf den ersten Blick glaubte Alexa, daß die Heimbewohnerinnen nichts außer sich selbst hatten mitbringen dürfen. Dann entdeckte sie im Regal und an den Wänden doch ein paar persönliche Gegenstände. Alexa sah sich weiter um. Doch erst beim zweiten Hinsehen stellte sie fest, daß tatsächlich jemand in einem der Betten lag. Die Person schien ganz klein zu sein, fast wie ein Kind. Jedenfalls hätte man die Frau fast übersehen können, wie sie auf dem Rücken mit geschlossenen Augen dalag. Alexa schluckte. Die Frau war kalkbleich, fast wie das Bettuch, ihre weißen Haare hingen ihr strähnig an den Seiten herunter. Sie hätte tot sein können.
»Setzen Sie sich!«, sagte Maria Scholenski. Alexa wandte sich schnell von der Mitbewohnerin ab und ließ sich auf einem der Besucherstühle nieder, die wie die im Eingangsbereich des Hauses im 70er-Jahre-Grün gehalten waren. Maria Scholenski hatte sich bereits schwerfällig auf einen anderen Stuhl gesetzt. Erst jetzt nahm Alexa das blaßrosane Nachthemd wahr, das Maria Scholenski trug, außerdem ihre braunen, ausgetretenen Hausschühchen. Alexa hielt in Gedanken an dem Namen Scholenski fest, vielleicht weil in dem wachen Gesicht der Frau ein wenig von dem jungen Mädchen durchschimmerte, das als Magd auf dem Hof Schulte-Vielhaber gelebt hatte.
»Ich bin sehr dankbar, daß Sie bereit sind, mit mir zu sprechen.« Alexa wußte überhaupt nicht, was sie sagen sollte. Es kam ihr plötzlich absurd vor, diese Frau zu befragen, die ganz augenscheinlich zu alt oder krank war, um alleine zu leben, die um so weniger in der Lage war, sich für ein Verbrechen zu rächen, das viele Jahrzehnte zurücklag.
»Sie kommen also aus Renkhausen«, sagte Maria Scholenski.
»Ja, ich bin dort geboren und ich habe auch noch ein paar Kontakte dorthin.« Alexa hatte sich gar kein Konzept gemacht, wie sie dieses Gespräch führen sollte. Doch spontan war es ihr sinnvoller erschienen abzuwarten, ob ihr Gegenüber schon vom Tod des Franz Schulte-Vielhaber wußte.
»Man hat mir erzählt, daß Sie im und nach dem Krieg ebenfalls dort gelebt haben.«
»Das ist lange her«, sagte Maria Scholenski. »Das ist sehr lange her.«
»Sie haben auf dem Hof Schulte-Vielhaber gearbeitet«, setzte Alexa fort.
Maria Scholenski blickte Alexa ganz plötzlich in die Augen.
»Was wollen Sie von mir?«, sagte sie dann langsam und eindringlich.
Alexa wechselte die Strategie. Sie hatte nicht das Recht, diese Frau ihre schreckliche Vergangenheit erneut durchleben zu lassen. Erst recht nicht, ohne ihr zu sagen, warum das alles.
»Franz Schulte-Vielhaber ist gestorben«, sagte Alexa, viel direkter als sie es eigentlich gewollt hatte. »Genauer gesagt, er ist umgebracht worden.«
Maria Scholenski starrte sie an. Im selben Augenblick begann sie zu weinen. Sie weinte halblaut vor sich hin, ohne eine einzige Träne zu vergießen. Alexa griff intuitiv nach ihrer Hand und streichelte sie vorsichtig.
»Ich habe gehört, was dieser Mann Ihnen angetan hat. Keine Angst, Sie sollen darüber nicht sprechen, wenn Sie nicht möchten.« Alexa fühlte sich fürchterlich hilflos. Sie wünschte, sie wäre nicht hergekommen.
»Es ist doch schon so lange her«, sagte Maria Scholenski stockend.
»Das ist wahr«, sagte Alexa beruhigend. »Nur leider wird jetzt der Neffe des Bauern verdächtigt. Und zwar zu Unrecht« Alexa hoffte, daß die alte Frau nicht schlußfolgerte, daß sie selbst jetzt als mögliche Täterin in Frage kam. Die Vorstellung war einfach zu absurd, als daß irgend jemand das ernsthaft hätte in Betracht ziehen können.
»Der Bauer war ein schlechter Mensch«, sagte Maria Scholenski, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte.
»Das weiß ich«, antwortete Alexa beruhigend. »Deshalb wird er viele Feinde gehabt haben. Genau deshalb bin ich hierher gekommen. Vielleicht können Sie mir darüber etwas sagen?«
»Es ist doch schon so lange her«, sagte Maria Scholenski wieder sehr weinerlich, und Alexa merkte, daß es keinen Sinn hatte, weiter zu sprechen.
»Schade, aber ich bin Ihnen trotzdem dankbar, daß ich mit Ihnen sprechen durfte«, sagte sie abschließend und lächelte Maria Scholenski freundlich an. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.«
»Um Gottes willen, ich schlafe immer erst nach Mitternacht ein. Ich nehme das Schlafmittel nicht, das sie mir geben. Ich nehme es einfach nicht.« Maria Scholenski lächelte verschlagen, als wäre das die letzte Freiheit, die sie sich herausnahm. »Meine Nachbarin, die nimmt das Zeug. Die schläft schon immer um acht, aber ich, ich denke mir: Schlafen kann ich später noch genug.«
Maria Scholenski wurde jetzt etwas munterer. Es tat ihr gut, von der Vergangenheit wegzukommen.
»Mittags schlaf ich ein bißchen«, erklärte sie dann. »Ich habe Zucker. Am Tage brauche ich etwas Schlaf.«
Alexa drückte der Frau noch einmal die Hand und stand dann auf. »Ich will Sie nicht länger stören!«, sagte sie vorsichtig. »Und nochmals vielen Dank!«
Maria Scholenski stand ebenfalls auf und kam die paar Schritte mit zur Tür. Sie hatte keine richtige Gehbehinderung, schätzte Alexa, aber sie war altersbedingt, vielleicht auch durch den Diabetes, ziemlich klapprig. Es schien Alexa unmöglich, daß diese Frau in der Lage war, auch nur an einen Mord zu denken. Als sie die Klinke schon in der Hand hatte, fiel ihr noch etwas ein.
»Falls Sie mir noch etwas Wichtiges zu sagen haben, kann ich Ihnen ja meine Telefonnummer dalassen«, sagte sie. »Ich schreibe sie Ihnen eben auf.«
Alexa zog einen Block und einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und sah sich nach einer Unterlage um. Kurzerhand ging sie zu Maria Scholenskis Nachtschränkchen und notierte Namen und Telefonnummer. An dem Foto blieb ihr Blick erst hängen, als sie fertig war. Es hing über dem Nachtschränkchen, ein Portrait eines dunkelhaarigen Mannes, eine ziemlich neue Aufnahme, wie es schien.
Maria Scholenski schien Alexas Gedanken zu erraten. »Mein Sohn«, sagte sie stolz und nahm das Bild von der Wand. »Mein einziger Sohn.«
Alexas Sensoren gingen auf Alarmstufe. Danach hatte sie trotz Vincents Hinweis gar nicht gefragt. Maria Scholenski hatte Kinder, zumindest einen Sohn.
»Er sieht nett aus«, sagte Alexa höflich. Der Mann glich seiner Mutter sehr stark. Er hatte ein ähnlich breites Gesicht und dieselben wachen, dunklen Augen.
»Haben Sie auch Enkelkinder?«, fragte Alexa beiläufig.
»Leider nicht«, seufzte Frau Scholenski-Koslowski. »Habe ich mir doch immer so gewünscht, aber mein Sohn hat nicht geheiratet. Und jetzt ist er wohl zu alt.«
»Wie alt ist denn Ihr Sohn?«
Frau Scholenski schien die Frage überhört zu haben.
»Morgen kommt er«, sagte sie stattdessen. »Immer am Sonntag. Und morgen hat der Josef eine besonders gute Nachricht für mich, hat er gesagt.«
In diesem Moment flog die Tür auf. Alexa blickte verschreckt in das Gesicht einer entgeisterten Pflegerin.
»Ein schönes Foto«, war das einzige, was Alexa einfiel. Im Grunde hatte sie nur einen einzigen Wunsch. Sie wollte jetzt bei Vincent sein, und zwar ganz, ganz schnell.